André

André kam mit bunten Haaren und jeder Menge Punk-Kassetten aus der westdeutschen Provinz in die Stadt. Und mit Punk im Herzen hat er sie auch wieder verlassen. André und Markus haben die Pyonen erfunden, die Crew hat es zu dem gemacht, was sie heute sind. Partyveranstalter, Wegbereiter, Realitätsfluchthelfer.

André ist 2020 gestorben. Für die Pyonen ist es nicht möglich, André zu vergessen. Für die Anderen wollen wir hier seine Geschichte erzählen. Nicht nur weil er ein besonders empathischer Mensch war, sondern auch weil er das Selbstverständnis unserer Partykultur als synergiensuchende Szene, als Utopisten-Veranstaltung geprägt hat, und sicher weiter prägen würde.

Als er herkam, lebte er mit Markus und weiteren Freunden in einem Haus in der Rykestraße, wo es keine Heizung, keine Telefone gab, aber jede Menge Platz zum Quatsch machen. Ihre erste Party veranstalteten sie 1993 in der Lychener Straße 60. Sven Dohse war der DJ und Gianni Vitiello kam irgendwann vorbei und fragte, ob er nicht auch mal auflegen könne.

So kam es, dass er Jahre später vor Tausenden auf dem Karneval der Kulturen spielte, als die Pyonen mit einem LKW voller Boxen als Teil der Parade durch Kreuzberg fuhren. Sie verwandelten leerstehende Gebäude zu Clubs für eine Nacht. Eröffneten einen illegalen Club in der Schlegelstraße in Mitte, der von 1996 bis 1998 erst im Keller, dann auch in anderen Teilen des Hauses geöffnet war.

2001 eröffneten sie ihre erste Bar im Prenzlauer Berg, die Bar23. Außerdem betreiben sie mit der Tante Liesbeth, der Fetten Ecke und dem Böhmischen Dorf Kneipen, samt sperrmüllartiger Einrichtung, die von André auf Flohmärkten liebevoll zusammengekauft wurde. Dort saß er gerne mal als Kippendreher, Bierausgeber, Union-Fan, Kummerkasten und Tratscher am Tresen.

André und Markus waren mit die Ersten, die überhaupt Open Air Raves veranstalteten. Ab 1995 feierten sie ein kleines Fest auf einer Pferdewiese, das sie Nation of Gondwana nannten. Die Nation etablierte sich als Loveparade-Alternative. Doch anstatt sich nur im Eskapismus zu zerstreuen, organisierten und produzierten sie ab 1999 das Chaos Computer Club-Camp, wo sie den Hackern Party-Ästhetik und Gemeinschaftssinn beigebracht und im Gegenzug die Party-People mit den Utopisten zusammengebracht haben.

All sein Wissen hat André gern geteilt. Er hatte immer einen Rat, manchmal auch ungefragt. Aber meistens hatte er sogar Recht. Wer kann gut mit Metall arbeiten? Wer macht gute Awareness-Konzepte? Welche Boxen eignen sich für eine Techno-Parade? Er hat am Telefon die richtigen Stichworte genannt, E-Mail-Adressen weitergeleitet.

Auch nach Grünefeld, dem Ort, wo die Nation sesshaft wurde, hielt André festen Kontakt. Als Junge aus der norddeutschen Provinz, wusste er, wie man kegelt, ehrliche Schnacks hält und trockene Witze macht. Das Festival unterstützt die örtlichen Vereine, spendet an den Kindergarten und integriert die Anwohner, die Essen anbieten oder mit der freiwilligen Feuerwehr die Gäste im Sprühregen duscht.

André, der sich auf der Nation unter anderem um das Booking gekümmert hat und dafür unendlich viel Musik hörte, hat sich das Treiben aber meist gerne von etwas abseits angeschaut. Über Stunden saß er schweigend, rauchend, mit Bier in der Hand auf einem Sofa und betrachtete schmunzelnd die Tanzenden. Ab und zu einen präzisen Kommentar gebend. Ungeniert ehrlich, immer voller Achtung.

Denn er hatte Überzeugungen. Mit Sicherheitsleuten arbeiten, die in rechtslastigen Boxclubs trainieren? Lieber antifaschistische Strukturen nutzen. Frauen an der Tür und am DJ-Pult? Selbstverständlich. Waldstücke sichern, um einen Spanner zu überführen, ja klar. Kippenstummel von der Wiese sammeln, auf Sponsoren verzichten und die Kalkulation transparent machen, um auf Facebook umfangreich zu erklären, warum das Festivalticket teurer wurde. Das war ihm wichtig. Aber er hat keine große Nummer draus gemacht.

André ist im Alter von 52 Jahren gestorben. An einem Krebs, den er viel länger bekämpfen konnte, als so mancher Arzt gedacht hatte.

„Gib niemals auf und glaub an dich“,

das war sein Motto. Und es bleibt unseres.

Nachrufe


Mach’s gut, alter Punk
Seine Partys machten die Berliner Feierkultur zu dem, wofür sie heute weltberühmt ist. Jetzt ist André Janizewski, Mitbegünder des Partykollektivs Pyonen, gestorben. Gedanken an einen, der Berlins kreativer Szene sehr fehlen wird.
Berliner Zeitung, 11.09.2020, Laura Ewert

CCC trauert um Ehrenmitglied „Zewski“
Am 3. September 2020 ist unser Ehrenmitglied Marc-André Janizewski nach langer schwerer Krankheit gestorben. Wir verlieren einen engen Freund und Verfechter unserer Werte und Träume. Der CCC drückt allen Angehörigen, Freunden und engen Begleitern von André sein tiefstes Mitgefühl aus.
CCC.de, 08.09.2020, Tim

Fürstenauer Pyonen-Party-Pionier Janizewski gestorben
Berlin. Ein zugereister Alt-Punker aus dem Örtchen Fürstenau prägte die illegale Berliner Partyszene und mit ihr die der gesamten Republik. Jetzt ist Marc-André Janizewski früh gestorben. Warum er fehlen wird.
Osnabrücker Zeitung, 22.09.2020, Laura Ewert

Pyonen: André Janizewski ist tot
Janizewski gründete mit Markus Ossevorth in den frühen 1990ern das Partykollektiv Pyonen. Dieses organisierte, mitgerissen von der damaligen Aufbruchsstimmung in Berlin, zahllose eigene und fremde Veranstaltungen.
Groove, 08.09.2020, Alexis Waltz

Mitgründer von Nation of Gondwana verstorben
Als Pyonen bezeichnen sich die Veranstalter des Nation of Gondwana Festivals, das seit 1995 im Umland Berlins jedes Jahr stattfindet. Mit ca 8000 möglichen Gästen ist das Festival regelmäßig ausverkauft und zählt, neben der Fusion, zu einem der Top Alternative-Festivals in Deutschland.
FAZE Mag, 08.09.2020

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